25. Dezember 2010
Rezension: Gewöhnliche Leute
von Werner Bräunig
Informationen zum Buch: Aufbau Verlag 2009, 273 Seiten, 9,95 €
Wie so viele Intellektuelle, hat auch Werner Bräunig unter dem DDR-Regime gelitten und ist schließlich daran zerbrochen. Diese Erzählungen stammen aus seiner kurzen, erfolgreichen Zeit.
Sein erster Roman Rummelplatz, der in eindringlichem, naturalistischem Stil vom Leben der Bergbauarbeiter in der Wismut AG erzählt, durfte wegen einiger kritisch wirkenden Passagen nie erscheinen. Nur einen kleinen Erzählband hat er noch zu DDR-Zeiten veröffentlicht.
Vom Rummelplatz zu gewöhnlichen Leuten
Dieser Erzählband ist vom Ton her deutlich milder als der Rummelplatz. Zwar geht es weiterhin um die Themen Sozialismus, was einen Menschen ausmacht und wie sich der Fortschritt in der DDR vollzieht, die Reflexionen der “gewöhnlichen” Leute in Bräunigs Buch sind aber nie bösartig, Kritik ist nur unterschwellig herauszulesen, das Positive überwiegt.
Alltagsleben im Sozialismus
Bräunig fängt in diesem Buch die Situation ganz gewöhnlicher, durchschnittlicher Menschen ein, die in der DDR leben. Er zeichnet ein genaues Panorama seiner Zeit: Seine Geschichten sind angesiedelt zwischen Industrie und Baustellen, Fortschritt und Planerfüllung, Altbauwohnung und neuer Vorstadt aus Plattenbauten, zwischen Kollektivismus in der Öffentlichkeit und Individualismus in der eigenen Datscha am See.
Sprachstil
Auch wenn Bräunigs Erzählungen zurückhaltend wirken – die Sprache ist immer noch genauso kraftvoll wie im Rummelplatz. Bräunig Stil ist einerseits literarisch, andererseits einfach, mit Ecken und Kanten, dem “kleinen Mann” vom Mund abgeschaut. Heraus kommt bei dieser Mischung eine pragmatische Literatur, die sich mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus auseinandersetzt.
Bräunig zeigt, was die Menschen denken. Es sind eher unspektakuläre Einsichten, eher Binsenweisheiten als große Gedanken, doch diese einfachen Erkenntnisse sind meist so treffend und klar, dass sie nicht banal wirken.
“Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt?”
Für Rummelplatz-Fans ist übrigens noch interessant: Der Band enthält neben den Erzählungen, die schon in der DDR unter dem Titel Gewöhnliche Leute veröffentlicht wurden, auch noch neu gefunden Stücke aus Bräunigs Nachlass. Eine Erzählung behandelt behandelt außerdem die Frage, die auch im Rummelplatz aufgeworfen und nicht beantwortet wurde, für den Sozialismus aber existenziell ist: “Was bleibt, wenn ein Arbeiter stirbt?”
Fazit
Sprachlich einfache, aber trotzdem doch eindringliche Kurzerzählungen, die das einfache, alltägliche Leben in der DDR widerspiegeln.
Autorin des Artikels
Friederike gründete Blauraum im Juli 2010. Neben Blauraum betreibt sie außerdem einen Blog über japanische Literatur.